Moment mal. Maja?
Von einer Islandreise, alten Fotoalben und der merkwürdigen Frage, ob man seiner eigenen Romanfigur schon begegnet sein kann, bevor man sie erfunden hat.
Ich glaube, ich hätte Maja 1993 begegnen können.
Vielleicht sind wir sogar aneinander vorbeigelaufen, irgendwo auf einem Parkplatz oder in einem kleinen Laden, in dem wir unsere Vorräte auffüllten. Vielleicht hat sie uns beobachtet, wie wir versuchten, unser Gepäck einigermaßen sinnvoll in einem winzigen Camper unterzubringen, und sich gefragt, warum zwei erwachsene Menschen freiwillig drei Wochen in einem solchen Gefährt verbringen wollten.
Vielleicht haben wir auch am selben Ort gestanden, auf dieselbe Landschaft geschaut und uns nicht weiter beachtet, so wie man auf Reisen ständig Menschen begegnet, von denen man hinterher nicht einmal mehr weiß, dass es sie gegeben hat.
Ich kann mich nicht erinnern, was allerdings auch daran liegen könnte, dass ich Maja damals noch gar nicht kannte.
Eine ziemlich harmlose Idee
Angefangen hat alles damit, dass ich ein kleines Willkommensgeschenk für die Menschen gestalten wollte, die meinen Autorinnen-Newsletter abonnieren. Etwas Persönliches sollte es sein, das mit meinem Roman Fensterwetter zu tun hat, ohne gleich eine Leseprobe zu sein oder schon zu viel von der Geschichte zu verraten.
Da Island sowohl in meinem eigenen Leben als auch in Majas Geschichte eine wichtige Rolle spielt, war die Richtung schnell gefunden. Und weil ich 1993 zum ersten Mal dort gewesen war, erinnerte ich mich an unsere alten Fotoalben inklusive Aufzeichnungen.
Ich wollte ein paar Bilder heraussuchen, einige Erinnerungen aufschreiben und daraus etwas Hübsches zusammenstellen. Eine überschaubare Angelegenheit, dachte ich, was im Nachhinein betrachtet schon der erste Fehler war. Denn kaum hatte ich die Alben aufgeschlagen, war ich wieder mittendrin.
1993 waren wir drei Wochen lang mit einem kleinen Camper in Island unterwegs, ohne Internet, ohne Smartphone und ohne Navi. Stattdessen hatten wir Landkarten und gelegentlich eine ziemlich vage Vorstellung davon, wie es hinter der nächsten Kurve weitergehen würde.
Ehrlicherweise gab es zur Ringstraße auch nicht wirklich eine Alternativroute und für die Pisten quer durch das isländische Hochland war unser Camper nicht geeignet.
Wir fotografierten, was uns beeindruckte, schrieben einiges auf und hatten außerdem einen Roman dabei, den wir uns gegenseitig vorlasen. Er überlebte die Reise zwar, sah danach aber aus, als hätte er persönlich gegen Wind, Schnee und sämtliche Schlaglöcher Islands gekämpft.
Was das für ein Buch war? Es war der Der Medicus von Noah Gordon. Und er hat immer noch so zerfleddert, wie er seit damals ist, ein warmes Plätzchen in meinem Bücherregal.
Beim Durchsehen der Bilder kamen die Erinnerungen zurück, manchmal so plötzlich und lebendig, dass ich beinahe wieder die Kälte spüren konnte. Da waren die Schneewände, die engen Platzverhältnisse im Camper und zwei Hunde, die sich uns während einer Wanderung anschlossen, als hätten wir für diesen Tag eine geführte Tour mit tierischer Begleitung gebucht.
Ich erinnerte mich an Kleinigkeiten, die ich längst vergessen glaubte, und an dieses besondere Gefühl, in einer Landschaft unterwegs zu sein, die sich hinter jeder Kurve vollkommen verändern konnte.
Ich saß an meinem Schreibtisch, hatte dreißig Jahre alte Fotos vor mir und war plötzlich wieder dort.
Und dann tauchte Maja auf.
Moment mal. Maja?
Maja ist die Hauptfigur meines Romans Fensterwetter. Sie ist Geologin, hat ihre eigene Lebensgeschichte und eine besondere Verbindung zu Island, die ich über viele Monate hinweg schreibend erkundet habe.
Ich weiß inzwischen ziemlich genau, was sie in bestimmten Lebensphasen beschäftigt, welche Menschen ihr begegnet sind und wie sie auf manches reagieren würde. Ich kenne sogar eine ganze Reihe von Begebenheiten aus ihrem Leben, die es gar nicht in den Roman geschafft haben, die für mich aber trotzdem dazugehören.
Und nun hielt ich plötzlich Fotos aus dem Jahr 1993 in der Hand, aus einer Zeit also, in der Maja in meiner Romanwelt längst existierte und irgendwo ihr Leben führte.
Das war ein merkwürdiger Gedanke.
Während ich mich auf den Bildern wiedererkannte, begann ich darüber nachzudenken, wo Maja damals wohl gewesen war. Vielleicht gar nicht so weit entfernt? Vielleicht war sie irgendwo unterwegs gewesen, während wir am gleichen Ort einen Zwischenstopp einlegten, oder wir hatten uns auf irgendeiner Straße gekreuzt, ohne voneinander Notiz zu nehmen.
Ich ertappte mich sogar dabei, dass ich unsere damalige Reiseroute gedanklich mit Majas Lebensgeschichte abglich, um herauszufinden, ob eine Begegnung überhaupt möglich gewesen wäre.
Spätestens an diesem Punkt musste ich über mich selbst lachen.
Schließlich habe ich Maja erfunden, und zwar erst viele Jahre nach unserer Reise.
Ich sollte also eigentlich wissen, dass wir uns 1993 nicht begegnet sein können.
Eigentlich.
Zwei Vergangenheiten, eine Landschaft
Ich finde es erstaunlich, was beim Schreiben eines Romans mit der eigenen Wahrnehmung geschieht, denn am Anfang ist eine Figur nichts weiter als eine Idee, vielleicht ein Name, ein Beruf oder eine vage Vorstellung davon, wie dieser Mensch sein könnte.
Dann beginnt man zu schreiben, trifft Entscheidungen für diese Figur, verwirft sie wieder, lernt ihre Eigenheiten kennen und denkt über Dinge nach, die ihr lange vor Beginn der eigentlichen Romanhandlung widerfahren sein könnten.
Irgendwann hat dieser Mensch eine Vergangenheit, die sich erstaunlich vollständig anfühlt, obwohl man sie erst nach und nach zusammengesetzt hat.
Bei Maja ist das besonders ausgeprägt, weil ich sie über einen langen Abschnitt ihres Lebens begleite. Es gibt inzwischen Jahre und Orte, die für mich untrennbar mit ihr verbunden sind, und Island gehört ganz selbstverständlich dazu.
Als ich nun meine alten Fotos ansah, begegneten sich plötzlich zwei Vergangenheiten, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben dürften.
Das ist natürlich kein echtes Durcheinander. Keine Sorge, ich kann Wirklichkeit und Fiktion durchaus auseinanderhalten, und bislang hat sich Maja auch noch nicht beschwert, dass ich ihr ungefragt meine Urlaubserinnerungen unterschiebe.
Trotzdem hat sich etwas verändert. Wenn ich heute ein Foto von Island betrachte, sehe ich nicht mehr ausschließlich das, was ich damals gesehen habe, sondern manchmal auch das, was Maja dort gesehen haben könnte.
Und wenn ich über Maja schreibe, fließt vermutlich mehr von meinen eigenen Erinnerungen in ihre Welt ein, als mir während des Schreibens bewusst ist.
Vielleicht sind wir uns also tatsächlich begegnet, nur eben nicht so, wie Menschen sich normalerweise begegnen.
Ein Magazin und der Zauber alter Fotos
Während ich noch darüber nachdachte, ob ich meiner eigenen Romanfigur in Island hätte über den Weg laufen können, wuchs mein ursprünglich bescheidenes Newsletter-Projekt munter weiter.
Aus einigen Fotos wurden immer mehr, aus kurzen Bildunterschriften entstanden kleine Geschichten, und irgendwann war klar, dass ich nicht einfach ein paar Erinnerungen verschicken, sondern daraus ein richtiges kleines Magazin gestalten wollte.
1993 · ISLAND – Drei Wochen · Ein Buch · Kein Internet heißt es nun, umfasst 13 Seiten und erzählt von unserer damaligen Reise, mit Originalfotos, persönlichen Erinnerungen und einigen Begebenheiten, die mir beim Wiedersehen mit den alten Bildern erneut ein Lächeln ins Gesicht gezaubert haben.
Je länger ich mich mit den Fotos beschäftigte, desto mehr merkte ich, dass diese kleine Zeitreise nicht nur nach Island führte, sondern auch zu einer früheren Version meiner selbst.
Da steht eine junge Frau in einer Landschaft, die sie zum ersten Mal sieht, und hat keine Ahnung, wie ihr Leben weitergehen wird. Sie weiß noch nichts von all den Erfahrungen, Entscheidungen und Veränderungen, die vor ihr liegen, und schon gar nicht davon, dass sie eines Tages Bücher schreiben und eine Geologin namens Maja erfinden wird.
Ich dagegen betrachte sie heute mit dem Wissen um alles, was seitdem geschehen ist.
Das ist manchmal schön, manchmal komisch und gelegentlich auch ein wenig wehmütig, denn alte Fotos erinnern uns nicht nur an Orte, an denen wir gewesen sind, sondern auch an Menschen, die wir einmal waren.
Vielleicht ist das der eigentliche Zauber solcher Fundstücke: Man sieht einen Augenblick, der damals vollkommen gegenwärtig war, und weiß heute, was daraus geworden ist, während die Menschen auf dem Foto noch völlig ahnungslos in ihre Zukunft schauen.
Die Frau von 1993 wusste nichts von Maja.
Ich von heute kenne Maja ziemlich gut.
Und Maja selbst? Die hatte 1993, zumindest in meiner Vorstellung, längst ihre eigenen Hoffnungen und Pläne und wäre vermutlich einigermaßen irritiert gewesen, wenn ich ihr erklärt hätte, dass ich sie erst viele Jahre später erfinden würde. Wobei ich nicht ausschließen möchte, dass sie mich daraufhin mit einem ziemlich skeptischen Blick bedacht hätte. Das könnte ich ihr nicht einmal verdenken.
Vielleicht sind wir uns doch begegnet
Mein kleines Island-Magazin ist inzwischen fertig, und ich freue mich, dass aus der Suche nach ein paar alten Fotos so viel mehr geworden ist, als ich ursprünglich vorhatte.
Und ich habe festgestellt, dass die Menschen, über die wir schreiben, manchmal auf eine ziemlich eigensinnige Weise Teil unserer eigenen Erinnerungswelt werden können.
Ob ich Maja 1993 tatsächlich hätte begegnen können, weiß ich noch immer nicht.
Auf den Fotos habe ich sie jedenfalls nicht entdeckt, obwohl ich inzwischen fast versucht bin, die Aufnahmen noch einmal genauer zu betrachten. Vielleicht steht sie ja irgendwo im Hintergrund, halb verdeckt von einem Auto, oder läuft gerade aus dem Bild, während ich nichtsahnend den Auslöser drücke.
Andererseits wäre es vermutlich etwas beunruhigend, wenn ich sie tatsächlich fände.
Vielleicht lasse ich es deshalb lieber dabei.
Oder ich frage Maja einfach, ob sie sich an mich erinnert.
Bist du jetzt komplett verwirrt? 😂
Oder hast du Lust auf eine kleine Zeitreise nach Island?
Aus meinen alten Fotos und Reiseaufzeichnungen ist ein kostenloses, 13-seitiges Island-Magazin entstanden, in dem ich von unserer Reise 1993 erzähle: von drei Wochen im Camper, ungewöhnlichen Begegnungen und einem Island, das ich bis heute nicht vergessen habe.
Das Magazin gibt es als Willkommensgeschenk zu meinem Autorinnen-Newsletter. Du kannst es online durchblättern oder als PDF herunterladen.
Entdecke hier das Island-Magazin →]
Und falls Du Dich fragst, was Maja tatsächlich mit Island verbindet: Davon erzählt mein Roman Fensterwetter, der im Frühjahr 2027 erscheint.





