Vom Sachbuch zum Roman: Was sich für mich beim Schreiben verändert hat
Wenn man dachte, man wüsste, wie es geht
Wenn man bereits mehrere Bücher geschrieben hat, könnte man ja meinen, beim nächsten Buch weiß man ungefähr, wie es geht, welche Handgriffe kommen, wo es hakt und wie man aus einem Berg Material irgendwann etwas Fertiges macht.
Ich wurde eines Besseren belehrt. 😉
Ich schreibe seit vielen Jahren. Auf Ellas Blog sind über die Zeit unzählige Texte entstanden, dazu meine Sachbücher und Onlinekurse rund um Autismus und ich kenne leere Seiten, Abgabetermine und Überarbeitungsschleifen inzwischen ziemlich gut, genauso wie dieses sehr befriedigende Gefühl, wenn aus einem zunächst völlig unübersichtlichen Dokument irgendwann tatsächlich ein Buch geworden ist.
Vor allem kenne ich, dachte ich jedenfalls, meine eigene Arbeitsweise inzwischen ziemlich genau. Wenn die Idee für ein Sachbuch steht und ich weiß, welche Inhalte hinein sollen, mache ich mir einen Plan, lege die Kapitel fest und arbeite ihn dann meistens ziemlich zügig ab, ändere unterwegs natürlich noch etwas, ergänze hier, streiche dort, aber im Großen und Ganzen weiß ich die ganze Zeit über, wohin ich will.
Und dann fing ich an, einen Roman zu schreiben und musste ziemlich schnell feststellen, dass das völlig anders läuft – jedenfalls für mich.
Im Sachbuch möchte ich verstanden werden
Wenn ich über Autismus schreibe, habe ich meistens ein sehr klares Ziel vor Augen. Ich möchte etwas erklären, Zusammenhänge verständlich machen, Erfahrungen einordnen und meinen Leserinnen und Lesern möglichst etwas mitgeben, das ihnen im Alltag tatsächlich weiterhilft.
Wenn ich beim Überarbeiten merke, dass ein Absatz missverständlich sein könnte, ändere ich ihn. Fehlt wichtiges Hintergrundwissen, ergänze ich es, und wirft eine Aussage Fragen auf, versuche ich meistens, diese Fragen gleich mit zu beantworten, statt sie einfach im Raum stehen zu lassen.
Das hat mein Schreiben über viele Jahre geprägt. Ich bin es gewohnt, Verantwortung dafür zu übernehmen, dass ein Text möglichst eindeutig verstanden werden kann, und gerade bei einem Thema wie Autismus finde ich das nach wie vor wichtig, das würde ich auch nicht ändern wollen.
Beim Roman musste ich mir genau das an einigen Stellen erst mal wieder abgewöhnen.
Denn Literatur darf Fragen offenlassen, sie darf Dinge nur andeuten und ihre Leserinnen und Leser manches früher verstehen lassen und anderes eben erst viel später, wenn überhaupt. Sie darf ihnen zutrauen, Zusammenhänge selbst herzustellen, und manchmal darf sie sogar riskieren, dass zwei Menschen dieselbe Szene völlig unterschiedlich lesen und beide trotzdem recht haben.
Das war für mich zunächst ziemlich ungewohnt, fast ein bisschen unheimlich, muss ich zugeben.
Inzwischen mag ich es sehr.
Ich muss nicht mehr alles erklären
Vielleicht war das eine meiner größten Umstellungen, größer, als ich vorher gedacht hätte.
Ich neige nämlich dazu, Dinge gründlich verstehen zu wollen, und wenn ich für einen Roman recherchiere, macht das die Sache nicht unbedingt besser, eher im Gegenteil. Dann weiß ich irgendwann sehr viel mehr über ein Thema, als jemals im Buch stehen sollte und genau da fängt das eigentliche Problem an.
Beim Sachbuch ist Wissen immer willkommen, je mehr, desto besser. Beim Roman kann es einer Geschichte im Weg stehen, so paradox das klingt.
Nur weil ich drei Tage damit verbracht habe, etwas herauszufinden, hat diese Information noch lange kein Anrecht auf einen eigenen Absatz im Manuskript. Das ist, ehrlich gesagt, manchmal ziemlich bitter. 😄
Für Fensterwetter habe ich unglaublich viel recherchiert, zu Orten, historischen Ereignissen, Berufen, Zeiten und Lebensumständen, die man von außen kaum vermuten würde. Manches davon steckt am Ende in einem einzigen Satz, anderes taucht nirgendwo direkt auf, als hätte ich mir die Mühe nie gemacht.
Anfangs fiel mir das richtig schwer. Inzwischen habe ich verstanden, dass Recherche für mich vor allem dafür da ist, selbst sicher genug zu werden, um anschließend nicht alles erklären zu müssen, sondern einfach schreiben zu können, als wüsste ich es längst.
Die Geschichte muss stimmen, aber sie muss nicht beweisen, wie viel ich dafür gelesen habe.
Das durfte ich tatsächlich erst lernen.
Fertig. Dachte ich.
Im Frühling hatte ich die erste Rohfassung geschrieben, sie mehrfach durchgesehen und war der festen Meinung: So, das ist sie jetzt. Meine Geschichte ist fertig.
Also gab ich das Manuskript einem ersten Testleser.
Der las es in aller Ruhe und stellte mir anschließend zwei Fragen.
Nur zwei.
Und es waren ziemlich gute Fragen. 😉 Mir wurde beim Nachdenken sehr schnell klar, dass ich vieles nicht zu Ende gedacht hatte. Und als ich dort genauer hinsah, hing daran natürlich nicht nur jeweils eine einzelne Szene, sondern gleich ein ganzes Geflecht. Plötzlich ergaben sich neue Zusammenhänge, Figuren brauchten mehr Raum, andere Stellen mussten verändert werden und aus zwei ziemlich harmlos klingenden Fragen wurde noch einmal eine deutlich größere Überarbeitung.
Es sollte noch ungefähr drei weitere Monate dauern, bis ich das Manuskript wieder so weit hatte, dass ich mich erneut an meine Testleser herantraute. Das war für mich wahrscheinlich einer der Momente, in denen mir am deutlichsten klar wurde, wie anders ich an diesen Roman herangehen musste. Bei meinen Sachbüchern kann ich einen Plan ziemlich zuverlässig abarbeiten und irgendwann feststellen: Die Inhalte sind da, die Struktur funktioniert, jetzt geht es ans Überarbeiten, fertig.
Bei einer Geschichte kann ich alle geplanten Kapitel geschrieben haben und trotzdem noch meilenweit von fertig entfernt sein.
Und dann führen Figuren plötzlich ein Eigenleben
Das klingt vermutlich ziemlich seltsam, wenn man es laut ausspricht.
Denn schließlich habe ich Maja in Fensterwetter erfunden. Sie kann schlecht morgens bei mir anrufen und meckern, dass sie mit meiner Planung für Kapitel siebzehn nicht einverstanden ist. Und trotzdem habe ich beim Schreiben zum ersten Mal wirklich verstanden, was Autorinnen und Autoren meinen, wenn sie behaupten, eine Figur habe sich anders entwickelt, als ursprünglich geplant war.
Ich habe für Fensterwetter am Anfang keinen vollständigen Plan geschrieben und ihn anschließend brav abgearbeitet. Manche Dinge standen sehr früh fest, andere entstanden erst beim Schreiben. Figuren bekamen mehr Bedeutung, als ich ursprünglich vorgesehen hatte, Szenen veränderten sich und Verbindungen entstanden, die am Anfang noch gar nicht da waren und die ich mir so auch nicht hätte ausdenken können.
Und manchmal merkte ich beim Schreiben einfach: Nein, das würde Maja jetzt so nicht tun.
Es ist auf jeden Fall ein ziemlich merkwürdiger Moment, wenn man bedenkt, dass dieselbe Person, die das gerade feststellt (also ich!), Maja überhaupt erst erfunden hat und theoretisch also alle Fäden in der Hand halten müsste.
Aber auch ein ziemlich schöner Moment, das muss ich zugeben.
Es gibt viel weniger „richtig“
Bei meinen Sachbüchern kann ich vieles überprüfen. Ist eine Information korrekt? Ist eine Formulierung fachlich sauber? Fehlt etwas Wichtiges? Ist die Struktur nachvollziehbar? Es gibt auch dort unterschiedliche Möglichkeiten zu schreiben, aber es gibt eben auch Kriterien, an denen ich mich orientieren kann.
Bei einem Roman wird es deutlich schwieriger.
Eine Testleserin findet eine Stelle wunderbar, eine andere würde sie am liebsten streichen. Jemand möchte mehr über eine Figur erfahren, jemand anderem sind es schon zu viele Figuren. Eine Person stolpert über einen Zeitsprung, eine andere findet genau diese Erzählweise besonders spannend.
Und auch Testlesende können manches noch gravierend verändern – nicht nur Maja selbst hatte das Talent dazu – aber dazu an anderer Stelle mehr.
Und dann sitze ich mit all diesen Rückmeldungen vor meinem Manuskript und muss nicht entscheiden, wer recht hat, sondern welche Geschichte ich eigentlich erzählen möchte.
Auch das musste ich lernen und es fiel mir nicht immer leicht. Rückmeldungen ernst zu nehmen, ohne jede einzelne davon umzusetzen, genau hinzusehen, wenn jemand an einer Stelle hängenbleibt, aber trotzdem zwischen einem tatsächlichen Problem im Text und einer persönlichen Vorliebe, die eben nicht jeder teilen muss, zu unterscheiden. Das ist manchmal ziemlich anstrengend.
Und manchmal hilft nur eins: Laptop aus und am nächsten Tag noch einmal mit frischem Blick hinsehen.
Streichen tut beim Roman anders weh
Auch in meinen Sachbüchern habe ich natürlich gestrichen, Absätze, Wiederholungen, ganze Kapitelteile.
Aber bei einem Roman kann an einer einzigen gestrichenen Szene erstaunlich viel hängen. Vielleicht mag ich einfach die Sprache darin, vielleicht habe ich lange dafür recherchiert oder sie erzählt etwas über eine Figur, das ich selbst sehr gern weiß, auch wenn es niemand sonst je erfahren muss oder interessiert.
Auch das durfte ich lernen: Eine gute Szene ist nicht automatisch eine, die der Roman braucht, so schade das im Einzelfall sein mag. Inzwischen gibt es bei Fensterwetter einiges, das einmal zum Manuskript gehörte und heute nirgendwo mehr darin auftaucht. Ein paar dieser Szenen zeige ich euch vielleicht irgendwann hier im Blog. Dann wurden sie wenigstens nicht völlig umsonst geschrieben. 😉
Dafür darf Sprache plötzlich etwas anderes
Das ist wahrscheinlich der Teil, den ich am meisten genieße.
Beim Sachbuch ist Sprache vor allem ein Mittel, um etwas möglichst verständlich auszudrücken. Ich möchte präzise sein, klar und zugänglich und möglichst wenig Raum dafür lassen, dass eine wichtige Aussage anders verstanden wird, als ich sie gemeint habe.
Beim literarischen Schreiben darf ich viel länger an einem einzelnen Satz hängenbleiben, einfach weil ich möchte, dass er sich genau richtig anfühlt. Ich kann einen Absatz kürzen, obwohl inhaltlich nichts falsch daran ist, ein Wort austauschen, weil das andere an dieser Stelle zu viel sagt, oder einen Gedanken einfach stehen lassen, ohne ihn im nächsten Satz sofort zu erklären und einzuordnen.
Und ich kann darauf vertrauen, dass Leserinnen und Leser auch das wahrnehmen, was nicht ausdrücklich dasteht, sondern nur zwischen den Zeilen mitschwingt.
Das hat mein Schreiben verändert. Vielleicht sogar über den Roman hinaus.
Ich weiß nicht, ob es leichter geworden ist
Sachbücher zu schreiben fällt mir heute in vielem leichter als früher, das ist vermutlich völlig normal. Nach mehreren Büchern kennt man seine Arbeitsweise, seine typischen Umwege und auch die Stellen, an denen man sich zuverlässig immer wieder selbst im Weg steht.
Beim ersten Roman war fast alles wieder neu.
Ich durfte lernen, einer Geschichte mehr zu vertrauen, nicht jede Verbindung sofort sichtbar zu machen und nicht jedes Detail zu erklären, nur weil ich es selbst so genau weiß. Ich musste lernen, Kritik anzunehmen und trotzdem meine eigenen Entscheidungen zu treffen, und vor allem musste ich akzeptieren, dass ich beim Schreiben manchmal ziemlich lange über etwas nachdenken kann, ohne am Ende eine eindeutige Antwort zu haben. Das hat mich zuweilen an meine Philosophie-Vorlesungen erinnert, aus denen man auch mit mehr Fragen rauskommt, als man hineingegangen ist. 😉
Das hätte mich beim Sachbuch vermutlich wahnsinnig gemacht. Beim Roman gehört es einfach dazu.
Inzwischen liegt die Rohfassung von Fensterwetter tatsächlich hinter mir. Dieses Mal glaube ich es sogar wirklich. 😉Und jetzt hat die nächste Phase begonnen. Das Manuskript wird lektoriert, danach werde ich wieder daran arbeiten. Wahrscheinlich werde ich Stellen ändern, an denen ich heute noch sehr hänge, andere werde ich mit Zähnen und Klauen verteidigen und vermutlich werde ich an mindestens einer Stelle denken: Wie konnte ich das eigentlich übersehen?
Ich bin sehr gespannt darauf und wenn ich heute gefragt werde, ob sich das Schreiben eines Romans für mich anders anfühlt als das Schreiben meiner bisherigen Bücher, ist die Antwort ziemlich eindeutig:
Ja. Sehr sogar.
Deshalb möchte ich nach Fensterwetter damit auch nicht wieder aufhören.
Wenn du weiterlesen möchtest
Auf dieser Website werde ich in den nächsten Monaten immer wieder davon erzählen, wie Fensterwetter seinen Weg vom Manuskript zum fertigen Buch macht, und was ich beim Schreiben, Überarbeiten und Veröffentlichen dabei so alles erlebe, mit allem, was dazugehört – ich erwähnte ja schon die Zähne und Klauen…
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