Leseprobe aus „Blütenschwarz“

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Auszug aus der Erzählung „Bittermandel“:

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, mit Hannah heute endlich auf den Hügel hinter dem Haus zu gehen, der abwärts vom Dorf hinter dem Fluss ansteigt. Er wirkt nicht einladend und ist wegen der davor angrenzenden schnellen Furt nicht ohne weiteres zu erreichen. Daher hatte Hannah diesem Bereich der Küste noch nie Beachtung geschenkt. Ich muss das jetzt ändern, denn es bleibt nicht unbegrenzt Zeit. Zum einen klopft mein Kopfschmerz in immer kürzeren Abständen bei mir an, zum anderen erwähnte Hannah heute, dass sie nächste Woche wieder abreisen müsse.
Nachdem ich ihr damals die wahren Verwandtschaftsverhältnisse offenbart hatte, begann sie zu verstehen, warum sie bei ihrem ersten Besuch auf Ludovsmark einige Wochen zuvor nicht willkommen gewesen war. Sie berichtete mir, dass sie von Timmys Ärzten erfahren hatte, seine Krankheit sei vererbt worden und zwar immer über den weiblichen Part der Eltern. Luise war nicht mehr da, die arme Seele, und zu ihrem Vater hatte sie keinen Kontakt mehr. Also beschloss Hannah, den Weg in die Vergangenheit zu wagen, vor dem ihre Mutter sie immer gewarnt hatte. Sie wollte wissen, ob die Erbkrankheit schon vorher in der Familie weitergegeben und wie damit umgegangen worden war. Sie wollte die Menschen kennenlernen, mit denen sie ein gemeinsames Schicksal verband.
So stand sie eines Tages vor den Toren des Hauses in Ludovsmark, Timmy im Rollstuhl vor sich, und bediente den großen, schweren Messingring an der Tür. Sie musste das noch zwei Mal wiederholen bis sich endlich mit lautem Quietschen ein kleiner Spalt öffnete. Ein altes Gesicht, so alt wie sie es noch nie zuvor gesehen hatte, mit tiefen Furchen und kleinen trübblauen Augen kam zum Vorschein. Ob es ein Mann oder eine Frau war, konnte sie in diesem Moment nicht unterscheiden.
„Na und?“ kam ihr ein Krächzen entgegen.
„Ehm, Entschuldigung, meine Name ist Hannah Kohlberg, ich bin die Tochter von Luise, das ist Timmy mein Sohn.“
„Luise? Luise ist nicht da.“
„Ja, ich weiß, ich möchte …“
„Schon lange nicht mehr da…“
„Bitte darf ich kurz hereinkommen? Es ist sehr kalt heute.“
„Luise kommt nicht mehr wieder. Sie ist tot.“
„Ja, ich weiß, sie war meine Mutter.“
„Meine Mutter, meine Mutter, Mutter, ha! Ha!?“ Das Krächzen war laut.
Hannah schwieg, wie sollte sie sich nur verhalten, wie erklären, warum sie hier war? Die alte Frau, als die Hannah sie nun erkannte, hatte den Türrahmen losgelassen. Sie hielt sich die Ohren zu. „Mutter! Nicht! Kann es nicht hören!“
Timmy begann zu weinen, da ihm das Gekreische Angst machte.
„Bitte, darf ich wissen, wer Sie sind?“ wagte Hannah sich noch einmal zu fragen.
„Wer fragt das?“
„Ich bin Hannah, Luises Tochter.“
„Luise ist nicht da!“
Und die Tür knallte zu, mit einer Wucht, die Timmy und Hannah vor Schreck zusammenfahren ließ. Timmy weinte und ihm war kalt. Sie nahm ihn auf den Arm, um ihn zu trösten.
Dann schob sich die Tür erneut einen Spalt auf, ein alter, knöchriger Zeigefinger schoss auf Timmy zu. „Du! Lauf weg! Sie kommen dich morgen holen! Lauf weg! Weg! Weg!!“
Dabei piekste sie ihn in die Schulter, fester und nochmal fester. Hannah legte schützend den Arm um ihren kleinen Sohn und wich einen Schritt zurück.
„Sie werden kommen! Kommen! Dann bist du tot! Tot!!“ Das Krächzen schlug ihnen schrill entgegen. Dabei trat die alte Frau sogar einen Schritt vor die Tür und fuchtelte wild mit ihren Armen herum, so dass Hannah mit Timmy, der fürchterlich schrie, schließlich fluchtartig den Rückzug antrat. Schnell drehte sie den Rollstuhl herum, setzte Timmy wieder hinein und lief so schnell es ging den Weg zur Straße zurück. Timmy schluchzte und Hannah liefen auch die Tränen hinab. Es hatte keinen Zweck. Sie musste den Besuch als gescheitert verbuchen.
Nach ein paar Minuten kam ihnen eine andere Frau entgegen, die sie mit großen Augen ansah. „Junge Frau, was ist geschehen, kann ich Ihnen helfen?“ Dabei starrte sie Timmy an.
„Nein, danke.“ Sie wollte weiterlaufen. Aber die Frau hielt Hannah sanft am Arm fest. „Haben Sie sich verlaufen? Hierher kommt sonst niemand.“ Sie sah die ganze Zeit Timmy an.
„Nein, ich finde den Weg zurück.“
Hannah entwand sich Doras Griff und stolperte zielstrebig auf die Weggabelung zu, die sie zurück zum Bahnhof führen würde.

Dora, die inzwischen fast 90 Jahre alt war, rief mich einige Tage später an und berichtete von der jungen Frau und dem kleinen Jungen, der aussah wie der auferstandene Paul – und von Theresa, die den ganzen Tag durchs Haus lief und schrie, dass Luise nicht da sei und dass Paul abgeholt wird.
Für mich war sofort klar, dass ich Hannah finden und mit ihr sprechen musste.

… [Ende des Auszugs]

 

Auszug aus der Erzählung „Aus der Welten Krümmung“:

Von. Anfang. An.

War alles Chaos.

Schon beim ersten Atemzug werde ich das unbestimmte Gefühl gehabt haben, in einer Welt angekommen zu sein, für die meine Sinne nicht gemacht sind. Natürlich kann ich das heute nicht mehr genau wissen, denn meine bewusste Erinnerung setzt erst später ein, aber es muss so gewesen sein, dass alles anfing, wie es weiter ging und alles weiter ging, wie es anfing, immer und immer wieder, auch heute noch und in Zukunft, so wie die Sonne jeden Tag auf- und wieder untergeht, so wie der Mond jede Nacht durch unseren Garten schleicht und mit seinem Licht die Gräser streichelt, so wie wir jeden Morgen die Augen aufschlagen, einen tiefen Atemzug nehmen, den Tag beginnen, mit den immer gleichen angenehmstrukturigen oder lästigklebrigen Ritualen, so wie in jeder Minute Kinder im Zeitenlauf ausgelöscht und eingewoben werden.

So wie all das setzt sich auch mein Empfinden fort, endlos wellend bis zu einem Tag, der mir nicht bekannt ist, von dem wir alle nichts wissen.

Damals, also zu der Zeit, über die ich heute nur spekulieren kann, aber die ich ab meinem bewussten Erleben als logische Fortsetzung in die Vergangenheit ansehe, damals konnte ich das Gefühl nicht fassen, denn alles war neu und ich wusste nicht, ob es richtig war, so wie es war, und ob ich einfach nicht in der Lage war, das als allgemein anerkannt Richtige in mein Leben zu lassen. Ich konnte mich nicht verbal artikulieren und ich kann mich an diese Zeit nicht im Detail erinnern; aber mit dem, was ich inzwischen weiß, muss es so gewesen sein, als ob ich aus einer harmonisch-warmen Umgebung mitten ins Dröhnen und Trommeln, ins Laut und Kalt gekommen war. Ein Schleudern aus der Welten Krümmung mitten in die Einsiedelei unserer Zeit, die mich fremd riechend begrüßte. Von aller bisher erlebten Stummheit abgenabelt musste ich meinen Weg als SelbstAtmer beginnen und schaffte es nicht sofort ohne diese übelriechende Maske, die sich um mein Gesicht legte. So fing mein Dasein als der ständig Hilfesuchende an, denn ich brauchte mein lästiges Umfeld schon in den ersten Sekunden, um existieren zu können, und zwar dort, wohin meine überforderten Sinne mich nicht geschickt haben konnten.

Die liebliche Stimme meiner Mutter, die ich wochenlang durch eine wärmende Hülle vernommen hatte, gellte ab diesem Zeitpunkt viele Monate lang in meinem Ohr, wenn sie mit mir sprach, oder wenn sie mir etwas vorsang. Ich konnte es nicht ertragen und musste alle Vibrationen mit meinem eigenen Schreien übertönen. Und ich schrie, um selbst bestimmen zu können, was ich hörte, und um all die Töne und Klänge und Geräusche und Verursacher dieser Welt zu überlisten, damit sie sich nicht mehr in meine kleinen Gehörgänge setzten und dort herumflogen wie eine wild gewordene, gefangene Fliege in einem Glas.

Es dauerte lange bis ich andere Strategien entwickeln konnte, die mich von dem Getöse meiner Umwelt erlösten.
Wenn mich jemand berührte, um mich zu trösten, rollte ich mich in den ersten Jahren ein und wand mich ab, jeder Fingerstrich, jede zarte Berührung schmerzte. Das Sanfte wurde zu einem brennenden Spalt auf zarter Haut und vorsichtiges Massieren verursachte elektrisierendes Kribbeln, das durch Mark und Bein ging. Niemand wusste, wie ich auf Hautkontakt reagieren würde, ich selbst konnte es auch nicht einschätzen, denn alles wandelte sich täglich. Und so wurde mein Leben zu einem stetigen Empfindungsroulette, bei dem mein Umfeld und vor allem ich mitspielen mussten, ob wir wollten oder nicht.

Ich bin anders, auch wenn alle anderen damals und manchmal noch heute denken, ich sei sehr krank und unendlich zu bemitleiden in meinem Dasein – ich bin einfach anders, anders einfach, anders, aber nicht einfach, denn kognitiv kann ich allen das Wasser reichen, auch wenn mich beinahe jeder unterschätzt und mich behandelt wie einen geistig Kranken – und so versuche ich einen Weg zwischen Besonderheit und Anpassung zu finden, der es mir ermöglicht zu existieren.

Ich war nicht, wie ich sein sollte und deshalb wurde ich therapiert, um möglichst weitgehend geheilt werden zu können. Aber ich bedurfte und bedarf keiner Heilung, sondern ich sehne mich danach, einen Schlüssel gereicht zu bekommen, der es mir ermöglicht, aus meinem inneren Gesundsein herauszutreten. Die Krankheitsbeseitiger versuchten die verschiedensten Methoden, um mich zum Laufen, zum Sprechen, zum Spielen, zum Andereanblicken, zum Anderewahrnehmen, zum Andereberühren, zum Andereimmerwiederandere-aushaltenmüssen zu bringen. Sie meinten, mir helfen zu müssen, mich Selbst, mein Ich zu finden. Aber ich war doch schon da.

… (Ende des Auszugs)

 

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